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Von außen. Von innen. Was wir an Autismus oft falsch lesen

2. Okt.
6 Min. Lesezeit

Oct 2, 2026 · @Ivan Bergmann


Fünf Sekunden


Jasmin Hall ist noch neu als Logopädin, als sie den Therapieraum betritt.

Sie dreht sich zu dem Kind um. Nach etwa fünf Sekunden fliegt eine Holzblume vom Regal auf sie zu. Dann rennt das Kind los und boxt auf ihre Brust, immer weiter. Sie kann sich nur noch schützen.

Wer davon hört, hat sofort ein Wort parat: aggressiv. Genau dieses Wort hält Hall heute für falsch. Nicht, weil nichts passiert wäre, sondern weil es nicht beschreibt, was in dem Kind vorgeht.

Ihre Fragen sind andere: Was genau tut dieser Mensch? Welchen Reiz sucht er? Was braucht er? Um diesen Unterschied geht es in diesem Beitrag. Was wir von außen sehen, und was innen passiert.


Was Autismus ist


Autismus ist eine Entwicklungsbesonderheit, die seit der Kindheit besteht und bleibt. Fachlich heißt sie Autismus-Spektrum-Störung (ASS). Typisch sind Schwierigkeiten in sozialer Wahrnehmung und Kommunikation, ein starkes Bedürfnis nach Routinen, sehr fokussierte Interessen und sensorische Besonderheiten.

In der Psychiatrie spricht man auch von einer Strukturdiagnose. Gemeint sind Eigenschaften, die einen Menschen dauerhaft prägen, ähnlich wie Körpergröße oder Intelligenz. Die Häufigkeit wird auf 1–2 % geschätzt. Männer erhalten die Diagnose deutlich häufiger als Frauen.

Früher unterschied man frühkindlichen Autismus, atypischen Autismus und Asperger-Syndrom. DSM-5 und ICD-11 haben diese Untergruppen aufgegeben, weil sie sich im Verlauf nicht zuverlässig trennen ließen. Geblieben ist das Wort Spektrum. In Deutschland soll die ICD-11 in den nächsten Jahren eingeführt werden.

Spektrum heißt: Kein Merkmal zeigt sich bei allen gleich. Der autistische Professor Stephen Shore hat es so zusammengefasst (sinngemäß übersetzt): „Kennst du einen Autisten, kennst du einen Autisten.“


Jedes Gespräch eine Prüfung


Wir Menschen lesen Gesichter nebenbei. Ein Blick, ein Tonfall, und meist wissen wir sofort, wie etwas gemeint ist. Bei Autismus ist genau diese basale soziale Wahrnehmung beeinträchtigt: Gesichter, Emotionen und Tonfall werden schwerer erkannt. Was andere spontan erfassen, gelingt oft nur mit bewusstem, analytischem Nachdenken.

Man kann sich das wie eine Klausur vorstellen. Jeder kennt das Gefühl, gelerntes Wissen genau im richtigen Moment abrufen zu müssen. Im Spektrum ist das in sozialen Situationen der Normalzustand, den ganzen Tag: Mimik lesen, Tonfall einordnen, merken, wann man dran ist.

Dann sagt jemand: „Da fall ich vom Stuhl.“ Metaphern werden oft wörtlich verstanden, Ironie und Sarkasmus bleiben unklar. Noch eine Aufgabe mehr.

Am Telefon wird es noch schwieriger. Dort lebt das Gespräch fast nur von Tonfall, Fragen und dem Hin und Her, das Gesicht fällt ganz weg. Auch Smalltalk kostet viel. Eine Patientin nannte die Kaffeepausen bei der Arbeit „der Horror“.


Der Blick


„Schau mich an, wenn ich mit dir rede.“ Kaum etwas verbinden wir so selbstverständlich mit Aufmerksamkeit wie Blickkontakt. Bei Autismus fehlt der spontane Blickkontakt oft, oder er ist bewusst antrainiert.

Häufig heißt es, Blickkontakt solle der erste Schritt in einer Therapie sein. Das lohnt einen kritischen Blick. Wenn ein Kind viermal in der Stunde in die Augen schaut: Was ist damit gewonnen? Auch wir anderen schweifen im Gespräch mal ab, und nicht mit jedem fühlt sich Blickkontakt gut an.

Umgekehrt gilt genauso: Wer in die Augen schaut, kann trotzdem autistisch sein. Manche schauen auch genau zwischen die Augen. Und wer Blickkontakt gelernt hat, hat deshalb nicht plötzlich keinen Autismus mehr.


Zu laut, zu hell, zu nah


Viele autistische Menschen nehmen Reize intensiver wahr. Laute Umgebungen, grelles Licht, Gerüche oder viele Stimmen gleichzeitig sind schwer auszuhalten. Besonders unangenehm sind oft leichte, unerwartete Berührungen. Die Wahrnehmung ist häufig sehr detailorientiert: Entweder richtet sie sich ganz auf eine Sache, oder alles prasselt gleichzeitig herein.

Man muss sich nur einen Supermarkt vorstellen. Menschen reden durcheinander, das Licht ist hier hell und dort gedimmt, eine Reklame blinkt, Durchsagen kommen, das Radio läuft.

Genau hier setzt die „Stille Stunde“ an, die der Verein Gemeinsam Zusammen e.V. bekannt macht. Für eine Stunde gibt es keine Durchsagen, das Licht wird gedimmt oder ausgeschaltet, wo das geht, das Radio bleibt aus. Manche Märkte verzichten in der Zeit auch darauf, Regale einzuräumen oder große Wagen durch die Gänge zu schieben.

Der Einwand liegt nahe: Und was ist mit allen anderen? Die Antwort ist schlicht. Wenn ein Supermarkt 14 Stunden geöffnet hat, bleiben 13 ganz normale Stunden. Und Mitarbeitende haben zurückgemeldet, dass ihnen die Stunde selbst guttut. Erst wenn alles ausgeht, merkt man, wie stressig es vorher war.


Wenn es zu viel wird


Von außen sieht es oft aus wie ein Wutanfall. Von innen ist es Kontrollverlust. Für die autistische Stressreaktion haben sich drei Begriffe eingebürgert:

  1. Overload: Reizüberflutung durch Lärm, Berührung, eine durchkreuzte Routine oder zu viele Menschen, etwa auf Partys oder Familienfesten. Sprechen fällt schwerer, Denken wird langsamer. Man kann sich das vorstellen wie eine schwere Migräneattacke ohne Kopfschmerz.

  2. Shutdown: Betroffene frieren ein und können nicht mehr sprechen.

  3. Meltdown: Die Anspannung entlädt sich plötzlich in Worten und Bewegung, oft auch aggressiv. Auslöser kann eine Kleinigkeit sein, eine Berührung oder ein Geruch.

Eine autistische Bloggerin beschreibt den Meltdown als „Vulkan, der aufgrund von zu viel Druck ausbricht“. Wie viel Steuerung im einzelnen Moment noch möglich ist, lässt sich im Einzelfall schwer klären. In Fachkreisen hört man trotzdem oft, Autisten seien „schnell aggressiv“. Nur beschreibt keines dieser Etiketten, was der Mensch gerade tut oder hat.

Was in solchen Momenten hilft:

  • keine plötzlichen Berührungen

  • eine reizarme Umgebung und eine Rückzugsmöglichkeit

  • genug Zeit, langsame Antworten als Alarmzeichen verstehen, nicht als Unhöflichkeit

  • schriftliche Kommunikation anbieten, wenn Sprechen nicht mehr geht

  • sehr direkte Worte nicht persönlich nehmen: Sie sind meist ein Stresssymptom


Unter dem Radar


Eine 38-jährige Frau kommt in die Klinik, mit der Diagnose atypische Anorexie und Depression. In der Schule war sie hervorragend, in der 9. Klasse gewann sie einen Preis für Physik und Philosophie. Sie kann ausgezeichnet programmieren. Doch mit Kolleginnen und Kollegen kommt es immer wieder zu Missverständnissen und Konflikten. Am Ende steht die Diagnose Asperger-Syndrom.

Dieser Fall ist kein Einzelfall. Viele autistische Erwachsene werden erst spät erkannt. Sie haben über Jahre Strategien entwickelt: Blickkontakt, Smalltalk, wann man am Telefon antworten muss. Die ICD-11 hält ausdrücklich fest, dass manche Menschen durch außergewöhnliche Anstrengung so gut funktionieren, dass andere ihre Schwierigkeiten nicht bemerken.

Oft fällt es erst auf, wenn sich etwas ändert: ein neuer Chef, eine Trennung, ein Konflikt am Arbeitsplatz. Dann können Strategien, die lange getragen haben, sehr schnell zusammenbrechen. Zunächst werden häufig andere Diagnosen gestellt, zum Beispiel Belastungsreaktion, Anpassungsstörung, Burnout oder Depression.

Besonders oft übersehen werden vermutlich Mädchen und Frauen. Eine Beobachtung aus der Praxis: Je kognitiv stärker sie sind, desto besser maskieren sie, und desto länger fliegen sie unter dem Radar. Weitere mögliche Gründe sind weniger auffällige Sonderinteressen und ein Umgang mit Anspannung, der sich eher nach innen richtet.


Stempel oder Schlüssel


Eine Autismus-Diagnose wird klinisch gestellt. Ein einzelner Test oder Fragebogen reicht nicht, um sie zu stellen oder auszuschließen. Im Zentrum steht die Lebensgeschichte: Die Besonderheiten müssen seit der Kindheit bestehen. Deshalb werden möglichst auch Menschen befragt, die einen seit der Kindheit kennen.

Nicht jeder, der mit den Händen flattert, ist im Spektrum. Nicht jeder mit einem speziellen Interesse auch. Es braucht die Gesamtschau über den Menschen und seine Lebensbereiche, und eine Diagnose ist nur angebracht, wenn eine deutliche und anhaltende Abweichung besteht. Für Fachkräfte heißt das: Beobachtungen beschreiben und eine Abklärung empfehlen, statt einen Verdacht auszusprechen. Ist ein Begriff erst einmal im Raum, wird man ihn schwer wieder los.

Ist die Diagnose gestellt, hat sie zwei Seiten. Sie kann ein Stempel sein. Sie ist aber auch eine Erklärung, und sie ist der Schlüssel zu Hilfen, etwa einer Integrationskraft in der Schule oder einer Autismustherapie.

Dabei lohnt ein genauer Blick: Die Bezeichnung „Autismustherapeut“ ist nicht geschützt.


Was hilft


Am Anfang steht Beziehung. Jasmin Hall erzählt von einem Jungen, der in der Klasse auf sie zukam und an ihr roch. Von da an hatte sie gewonnen. Erst später erfuhr sie den Grund: Sie trug dasselbe Parfum wie seine Tante, die er liebte. Kontakt entsteht manchmal über Wege, die man nicht planen kann.

Ein Bild aus der Therapie trifft es gut: Nicht die Therapeutin holt die Familie in ihr Boot. Die Familie lässt sie in ihres. Ziele werden deshalb mit den Menschen entwickelt, nicht für sie. Viermal Blickkontakt pro Stunde ist kein Ziel, wenn es im Alltag nichts verändert.

Auch die Diagnose selbst kann entlasten. Die Patientin aus dem Fallbeispiel erlebte sie als große Befreiung, weil sie endlich eine Erklärung für ihr lebenslang erlebtes Anderssein hatte.

Die Behandlung zielt nicht darauf, Autismus wegzumachen. Es geht um ein besseres Selbstverständnis und um Strategien für den Alltag. Solche Strategien wirken wie eine Brille: Sie verändert die Augen nicht, hilft aber beim Sehen. Für Erwachsene ohne Intelligenzminderung empfiehlt die S3-Leitlinie eine Gruppentherapie zu Stress, Selbstorganisation und sozialen Fertigkeiten. Für die autistischen Kernmerkmale gibt es keine Medikamente; Begleiterkrankungen wie Depressionen werden aber behandelt.

Entscheidend ist oft, eine passende Lebensnische zu finden: ein Umfeld bei Wohnen, Arbeit und Beziehungen, das zum eigenen So-Sein passt.


Anders lesen


Es lohnt sich, wegzukommen vom reinen Defizitblick. Defizite gibt es, und romantisieren sollte man nichts. Aber es gibt auch sehr viele Ressourcen. Menschen im Spektrum lernen, vielleicht anders und in einem anderen Tempo, aber sie lernen.

Autismus ist kein Defekt, den man wegtherapiert, und auch kein Etikett für jede Eigenheit. Unter guten Bedingungen können autistische Menschen ein erfolgreiches und vor allem glückliches, zufriedenes Leben führen.

Das fängt oft mit einer kleinen Verschiebung an. Statt „aggressiv“, „unhöflich“ oder „desinteressiert“ fragen wir: Was tut dieser Mensch gerade, und was braucht er?

Dieser Beitrag ersetzt keine Diagnostik. Wer bei sich oder anderen Fragen hat, wendet sich an eine spezialisierte Stelle.


Quellen



  • Tebartz van Elst, L. & Ebert, D.:

  • Gespräch / Vortrag mit Jasmin Hall, Logopädin

  • S3-Leitlinie Autismus-Spektrum-Störungen



 
 

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